«Die Natur muss endlich einen Wert erhalten»

06.7.2021

Foto Benedikt Schmidt

Silvia Zumbach

Leiterin der Koordinationsstelle für Amphibien- & Reptilienschutz in der Schweiz (karch)

Silvia Zumbach beschäftigt sich täglich mit Reptilien und Amphibien. Sie beobachtet, sie zählt, sie beurteilt und sie macht sich Sorgen. «Die Menschen meinen mit technischen Lösungen alle Probleme beseitigen zu können. Der Verlust der Biodiversität wird aber Auswirkungen auf uns haben, welche sich nicht mit technischen Errungenschaften kompensieren lassen», sagt die Wissenschafterin im Gespräch mit dem Kampagnenteam der Biodiversitätsinitiative. Und wünscht sich wissenschaftliche Beiräte, um eine sachlichere und weniger emotional geprägte Politik zu führen.

Wo gehen Sie hin, um die Natur und ihre Vielfalt zu geniessen, Silvia Zumbach?     

In ein möglichst grosses zusammenhängendes Gebiet, wo man keine menschlichen Spuren sieht. Leider finde ich das mehr im Ausland als in der Schweiz. Beispiele in der Schweiz sind die Grand Cariçaie, das Südufer des Neuenburgersees mit dem grössten Feuchtlandschaft-Schutzgebiet der Schweiz. Oder das Naturschutzgebiet Niederried-Oltigenmatt. Und manchmal gehe ich einfach in einen Wald im Jura.

Sie sind Wissenschafterin im karch, dem nationalen Daten- und Informationszentrum der Schweiz für Amphibien und Reptilien. Wie ist der Zustand der Biodiversität?

Die Biodiversität nimmt klar ab, sowohl was die einheimische Artenanzahl, aber insbesondere was die Biomasse anbelangt, als Beispiel sei das Insektensterben erwähnt. Bezüglich den Amphibien und Reptilien wurde seit über 50 Jahren auf den Rückgang der Amphibien und Reptilien von Naturschutzkreisen aufmerksam gemacht. Schlussendlich hat das zur Unterschutzstellung der beiden Gruppen 1966 im Natur- und Heimatschutzgesetz geführt. karch hat anhand mehrerer Roter Listen den Rückgang mit Daten wissenschaftlich belegt. In regelmässigen Abständen und bei allen möglichen Gelegenheiten kommunizieren wir den Rückgang. 

Die Natur muss endlich einen Wert erhalten, welcher mit anderen Werten gleichgesetzt werden kann.

Silvia Zumbach

Der Rückgang hält also an. Gibt es keine Erfolgserlebnisse?

Im Prinzip wissen wir bei vielen Arten, was zu tun ist: Grundsätzlich artspezifische Weihertypen in einer Vielzahl. Die Schweiz ist zu trocken. Bei einigen Arten konnte die Geschwindigkeit des Rückgangs etwas verlangsamt werden. So haben zum Beispiel Weiherbauprojekte den Rückgang des Bestands des Italienischen Springfrosches oder des Laubfrosches in einigen Regionen gestoppt. Der Rückgang der Kreuzkröte geht aber ungebremst weiter. Die grösste Verantwortung für den Fortbestand dieser Pionierart liegt bei den Abbaubetrieben. Obwohl in modernen Gruben der Betrieb oft sehr intensiv ist und enge Platzverhältnisse herrschen, ergibt sich immer wieder eine Ecke, in der für einige Wochen Gewässer ungestört erhalten werden können. Viele Beispiele zeigen das in der Praxis. Oft fehlt es an der zielgerichteten Beratung und in einigen Fällen wohl auch am Wissen oder Willen. Alles in allem gibt es praktisch keine Veränderungen auf der Roten Liste. Nach wie vor sind rund 80 Prozent der Arten gefährdet.   

Können Sie sich bei der Politik Gehör verschaffen?

Nein, leider nicht. Es gibt keine ständigen institutionalisierten, wissenschaftlichen Beiräte bei verschiedenen Themen wie in anderen Ländern. Solche Beiräte helfen, eine sachlichere und weniger emotional geprägte Politik zu führen. Wissenschaftliche Fakten bewirken nicht zwangsläufig eine Handlung und sind auch noch keine Handlungsanweisungen. Sie liefern die Grundlage zu einer Debatte, ob diese aber geführt wird, ist vom politischen Willen abhängig.  

Im Herbst findet die Klima- und der Biodiversitätskonferenz der Vereinten Nationen statt. Auch die Schweiz nimmt teil. Bundesrätin Simonetta Sommaruga fordert im Vorfeld ehrgeizige Beschlüsse. Was nützen all die internationalen Abkommen und Strategien zur Erhaltung der Biodiversität?  

Sie sind sehr wichtig, da sie überhaupt die Voraussetzungen und den Rahmen für eine Umsetzung liefern. Die Schweiz ist jedoch zu wenig restriktiv und konsequent in der Umsetzung.  

Wo sind aus Ihrer Sicht die Stellschrauben, um die biologische Vielfalt zu bewahren?  

Es gibt keine Stellschraube, es braucht ein anderes Denken und eine andere Wertsetzung auf allen Ebenen. Die Natur muss endlich einen Wert erhalten, welcher mit anderen Werten gleichgesetzt werden kann. Wenn eine Unternehmung eine limitierte, natürliche Ressource nutzt oder zerstört, hat die Ressource selber in der Regel keinen Preis, solange die gesetzlichen Grundlagen eingehalten werden.

Wie viel Zeit bleibt uns noch bis zum «Tipping Point»?

Die Natur wird in irgendeiner Form immer weiter existieren. «Tippint point» bezieht sich auf die Veränderungen der Natur und die damit verbundenen Auswirkungen auf die Menschen. Lange konnte man die «negativen» Auswirkungen auf die menschlichen Ziele und Aktivitäten mit technischen Lösungen vermindern z.B. durch Hochwasserschutzmassnahmen. Der Verlust der Biodiversität wird aber Auswirkungen auf den Menschen haben, welche sich nicht mit technischen Errungenschaften kompensieren lassen. So gesehen lautet die Antwort: Keine.

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